19. April 2016

Refugium

Als ich dreizehn war, hatte ich einen Babysitter-Job: Zwei kleine Jungs, Katzen, Hühner, Pferde, ein Garten und ein altes Haus gehörten zur Familie. Das Durcheinander, über welches meine Arbeitgeberin klagte, sah ich nicht. Ich fühle mich dort wohl. Das Haus war voll Leben - Bücher, Musikinstrumente, Freunde, Spielsachen, Essen aus dem Garten, Kinderlachen.... alles purzelte froh durcheinander. 
 
Aber es gab einen Raum, der war anders. Fast geheim. Fast verboten. Eine schmale Stiege führte vom oberen Stock weiter hinauf unter das Dach. Lange vermutete ich eine Abstellkammer dort oben. Nie sah ich jemanden hinauf gehen. Nie wurde der Raum erwähnt.
 
Schließlich fragte man mich, ob ich die Kinder einmal über Nacht hüten könne. Und zum allerersten Mal wurde ich die geheimnisvollen Stufen hinauf unters Dach geführt. Hinein in ein winziges Stübchen mit spitzzulaufenden Wänden, direkt unter dem Giebel gelegen. Es gab ein schmales Bett, ein Meditationskissen, ein niedriges Tischchen, einige Bücher, einige schöne Steine und einen kleinen frischen Wiesenblumenstrauß. Die Fenster in den Dachschrägen zeigten nur den Himmel.
 
Dieser kleine Raum war wie ein Nest ganz oben im Wipfel eines großen Baumes, wie der Ausguck im Mast eines geschäftigen Schiffes. Eine beruhigende, ja fast andächtige Stille ging von ihm aus. Ich betrat ein Refugium, ein kleines Heiligtum. Das bemerkte ich, ohne es zu verstehen.
 
Ich habe dort oben viele Male gut und ruhig geschlafen - während der Regen in Wellen um den First strich, während der Wind im Giebel pfiff, während die Sterne still auf mich herunter leuchteten und die Sonne früh den Himmel in rotes Leuchten tauchte. Dort gelang mir ein unaufgeregtes, einfaches zur Ruhe legen nach Tagen voller Leben und Lärm.
 
Nach diesem Raum sehne ich mich. Ein Rückzugsort - leer, still, der täglichen Unordnung entrückt. Ohne Kekskrümel, ohne Lego-Teile, ohne Wäschestapel, ohne Pfannkuchengeruch. Vielleicht können wir einen solchen Raum auch in uns selbst schaffen? Vielleicht können wir dort Klarheit und Ruhe einziehen lassen? Vielleicht bedarf es dazu nicht mehr, als ein paar Minuten auf der Yoga-Matte oder eines Spaziergangs (in den Boberger Dünen)? In meinem kleinen, heiligen Winkel jedenfalls, den ich mir eigens zum Stricken und Lesen eingerichtet hatte, steht zurzeit der Wäscheständer.
 
Ein neues Puppenmädchen schlüpft ganz langsam in unsere Frühlings-Welt. Heute hat sie flauschiges Haar bekommen. An meinem Bett liegt derzeit Christiane Kutiks 'Spielen macht Kinder stark'. Ich komme kaum über eine halbe Seite pro Abend hinaus. Der Frühling macht mich müde. Und woran tüftelt ihr?
 
Herzlichst, Lena
 



Kommentare:

  1. Dein Gedanken-Rückzugsort klingt wunderbar. Den hätten wir wohl alle gern. Manchmal würde mir auch ein Raum reichen, in den ich das ganze Handarbeits-Zeugs stopfen könnte, um die Klarheit in den anderen Räumen zu erreichen. Denn das mit dem Wäscheständer kommt mir irgendwie bekannt vor. Na ja, ich arbeite zumindest an dem Kopf-Rückzugsort. Immer mal wieder. Mögest du bald wieder Kraft haben. LG mila

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  2. Liebe Lena,
    ich kann dich gut verstehen! So ein ruhiger Ort des Rückzuges ist ganz wichtig.... und sei es nur für 5 Minuten pro Tag! Ich komme gerade von so einem Ort.....denn ich war für einige Zeit in der Sahara und da steht Ruhe....Leere...an erster Stelle! Einfach den Kopf zu lüften...sich treiben lassen und von dem Nichts aufzutanken , das brauche ich auch immer wieder!
    Ich drück dir die Daumen, das du so einen Ort auch findest!
    Herzensgrüassli
    Yvonne

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  3. Das kann ich gut verstehen! Meine Kinder sind nun groß, und mit und mit habe ich alle Zimmer "entrümpelt" von all dem zwar wunderbaren, aber recht wilden Zeug. Es tut so gut, wenn nicht so viele Dinge um einen sind. Ganz besonders im Schlafzimmer versuche ich, eine Art "heilige" Aufgeräumtheit zu erhalten. Das ist nicht einfach, denn mein Mann denkt, alle freien Flächen seien gute Abstellplätze! :)
    Lieben Gruß
    Gabi

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  4. Oh ja liebe Lena, ich erinnere mich an diesen Ort auch noch zu gut und du hast ihn so schön beschrieben.So einen Oase des Rückzugs der Ruhe und Still, ist einfach was kostbares.Was für ein süßes Puppenwesen ist da bei dir am entstehen, viel Freude Dir beim werkeln.
    LG von Katy

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  5. Liebe Lena, dein Blog ist nicht nur zauberflink, sondern echt zauberhaft! Ich werde mal noch ein wenig stöbern...
    LG Jutta

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  6. Dein Puppenmädchen ist traumhaft schön geworden. Sie ist so unaufdringlich und zugleich wie jede selbstgemachte Puppe einzigartig. Den Rückzugsort suche ich hier auch noch. Aber manchmal habe ich das Gefühl ihm beim Puppenmachen ein bisschen näher zu kommen...
    Liebe Grüße Rebecca

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  7. Ich kann mir diesen zauberhaften Raum sehr gut vorstellen und diese geheimnisvolle Anziehungskraft und Ruhe. Oh ja, das hätte mir auch gefallen und würde mir immer noch gefallen :-) Alles Liebe, Nadia

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  8. Wie schön Du diesen Rückzugsort unterm Dach beschrieben hast - man sehnt sich sofort dorthin und erinnert sich an eigene Erlebnisse aus der Kindheit (bei einer Freundin gab es auch eine geheimnisvolle Bodentreppe, von der ich aber nie erfuhr, wohin sie führte..). Und auch die Dünenbilder machen mich sehnsuchtsvoll!

    Liebe Grüße,
    Helga

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  9. Liebe Lena,
    so ein Rückzugsort hätte wohl jeder gerne. Meine kleinen Auszeiten nehme ich mir mit einer Tasse Cappuccino und danach lacht auch mich der Wäscheständer und das Bügelbrett an.
    Dein Puppenmädchen ist wieder ganz zauberhaft :o)

    ♥ liche Grüße
    Manu

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  10. Die Dünen, ich freu mich geradezu dieses Jahr noch nach Hamburg zu fahren, hatte ich bisher so gar keine Lust drauf.

    Ein heiliges Kämmerchen haben wir alle. Da wo wir tief durchatmen. Und einen Moment ganz ruhig werden. Ja.

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  11. solch ein Kämmerche kannte ich auch * schön dass du mich heute danach erinnerst *
    gute nacht !

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